Expat-Warnung vor negativen Online-Bewertungen löst breitere Debatte über rechtliche Risiken in Thailand aus

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In einer Expat-Facebookgruppe in Chiang Mai tauchte erneut die Warnung auf, keine negativen Bewertungen während eines Aufenthalts in Thailand zu veröffentlichen – ein Hinweis auf die wachsende Wahrnehmung rechtlicher Risiken unter ausländischen Residenten und Langzeitbesuchern, wie sie auch in Pattaya seit Jahren diskutiert werden.

PATTAYA, Thailand – In einer Expat-Facebookgruppe in Chiang Mai tauchte gestern eine vertraute Warnung erneut auf: „Veröffentliche keine negativen Bewertungen, solange du noch in Thailand bist.“ Was einst als Einzelfall oder Anekdote galt, wird zunehmend als wahrgenommenes rechtliches Risiko betrachtet, das das Verhalten ausländischer Residenten und Langzeitbesucher beeinflusst – ähnlich wie Diskussionen, die seit Jahren auch in Expat-Gemeinschaften in Pattaya geführt werden.

Die eigentliche Frage ist dabei nicht, wie eine Bewertung formuliert werden sollte. Im Kern geht es darum, welche Anreize die thailändische Rechtsstruktur für Verbraucher und Unternehmen im digitalen Zeitalter schafft.



Vom Fall Koh Chang zur internationalen Aufmerksamkeit
Internationale Aufmerksamkeit erhielt das Thema im Jahr 2020 durch den Fall des amerikanischen Touristen Wesley Barnes auf Koh Chang. Nach scharf formulierten Online-Bewertungen über ein Resort – darunter Begriffe wie „moderne Sklaverei“ und die Empfehlung, das Hotel zu meiden – wurde Barnes festgenommen und zwei Nächte inhaftiert. Auslöser des Streits war ursprünglich eine Korkgebühr von 500 Baht. Der Fall endete mit einer öffentlichen Entschuldigung und der Rücknahme der Strafanzeige.

Besonders bemerkenswert war die Reaktion von TripAdvisor, das eine sogenannte „Red Warning Badge“ auf der Hotel-Seite platzierte und Nutzer darauf hinwies, dass das Unternehmen zuvor strafrechtliche Schritte gegen einen Bewerter eingeleitet hatte. Der Fall entwickelte sich damit über die beteiligten Parteien hinaus zu einem internationalen Reputationsproblem.


Strukturelle Unterschiede im Rechtssystem
In vielen westlichen Ländern ist Verleumdung in erster Linie eine zivilrechtliche Angelegenheit. In Thailand hingegen stellt sie nach den Paragraphen 326 und 328 des Strafgesetzbuches eine Straftat dar. Online-Bewertungen können als „Verleumdung durch Veröffentlichung“ gewertet werden und mit bis zu zwei Jahren Haft und/oder Geldstrafen von bis zu 200.000 Baht geahndet werden.

Hinzu kommt, dass selbst wahre Aussagen nur dann strafbefreiend sein können, wenn nachgewiesen wird, dass ihre Veröffentlichung dem öffentlichen Interesse diente. In der Praxis werden Beschwerden häufig zusätzlich mit Vorwürfen nach dem Computer Crime Act verbunden, was den rechtlichen Druck weiter erhöht. Vielen ausländischen Besuchern ist dieser strukturelle Unterschied vor ihrer Einreise nicht bewusst.


Wahrnehmung und Realität
Tatsächliche Haftstrafen sind vergleichsweise selten. Dennoch sind rechtliche Drohungen, Polizeianzeigen oder Aufforderungen zur Löschung von Bewertungen keine Seltenheit. Auf Plattformen wie Agoda oder Google können niedrige Bewertungen oder kritische Kommentare schnell zu formellen Auseinandersetzungen führen.

Die sichtbare Folge ist eine weit verbreitete Selbstzensur: Bewertungen werden gar nicht erst veröffentlicht, kritische Kommentare ohne Text abgegeben, erst nach der Ausreise gepostet oder Konflikte direkt mit dem Unternehmen geklärt. In vielen Fällen prägt somit die wahrgenommene rechtliche Gefahr das Verhalten stärker als die tatsächliche Zahl der Verfahren.

Wirtschaftliche und wettbewerbliche Auswirkungen
In einem Tourismusmarkt, der stark von Online-Bewertungen beeinflusst wird, steht Thailand im regionalen Wettbewerb mit Ländern wie Vietnam, Malaysia oder Indonesien. Internationale Schlagzeilen über festgenommene Touristen wegen Bewertungen können Auswirkungen auf Soft Power, Investitionsklima sowie die Attraktivität als Ziel für digitale Nomaden und Langzeitaufenthalte haben.

Unternehmen möchten ihren Ruf schützen, Verbraucher erwarten Meinungsfreiheit, und der Staat strebt wirtschaftliche Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit an. Die zentrale Frage bleibt, ob das derzeitige System diese Interessen ausreichend ausbalanciert.



Gesichtswahrung und Meinungsfreiheit
In Expat-Diskussionen wird das thailändische Verleumdungsrecht häufig als Instrument zur Wahrung des Gesichts interpretiert, während viele thailändische Geschäftsinhaber wiederum mit überzogenen oder beleidigenden Online-Bewertungen konfrontiert sind, die erheblichen Imageschaden verursachen können. Das grundlegende Problem liegt daher weniger in der Frage von richtig oder falsch, sondern darin, ob effektive Mechanismen zur Konfliktlösung bestehen, bevor Streitigkeiten strafrechtlich eskalieren.

Politische Fragen mit wachsender Bedeutung
Beobachter sehen mehrere Punkte, die zunehmend diskutiert werden:

  • Sollte strafrechtliche Verleumdung stärker in den zivilrechtlichen Bereich verlagert werden?
  • Sollte vor strafrechtlichen Schritten eine verpflichtende Mediation vorgesehen werden?
  • Braucht es eine Art „Safe-Harbour“-Schutz für Verbraucherbewertungen?
  • Sollten klarere Kriterien definieren, was im digitalen Raum als „öffentliches Interesse“ gilt?

Wenn Thailand seine Position als Standort für digitale Nomaden und Langzeitaufenthalte stärken möchte, dürfte diese Debatte künftig an Bedeutung gewinnen.



Schutz der Reputation oder Schutz des Vertrauens?
Das Verleumdungsrecht dient dem Schutz der Reputation. In der digitalen Wirtschaft ist jedoch auch das Vertrauen in ein Rechtssystem ein strategischer Faktor. Wenn in Expat-Gruppen in Chiang Mai Warnungen wie „Schreibe keine negativen Bewertungen, solange du noch in Thailand bist“ kursieren, handelt es sich nicht mehr nur um informelle Ratschläge, sondern um eine Markt- und Wahrnehmungsfrage.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wovor sich Touristen in Acht nehmen sollten – sondern wie ein rechtlicher Rahmen gestaltet werden kann, in dem Unternehmen und Verbraucher ohne Angst miteinander interagieren können, bevor die nächste Online-Diskussion zur internationalen Schlagzeile wird.