Thailand, das „Land der Freien“, und die wachsende Dreistigkeit von Goldladen-Räubern

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CCTV-Aufnahmen zeigen den Verdächtigen in einem Goldgeschäft in Khon Kaen während des Überfalls. Die Ermittler analysieren das Bildmaterial, um Fluchtroute und Identität des Einzeltäters nachzuvollziehen.

PATTAYA, Thailand – Thailand bezeichnet sich stolz als das „Land der Freien“ – ein Ausdruck mit historischer und identitätsstiftender Bedeutung. Doch für viele kleine Geschäftsinhaber, insbesondere Betreiber von Goldläden, fühlt sich diese Freiheit zunehmend einseitig an. Während Täter immer dreister vorgehen, wird die Verantwortung faktisch einer ohnehin stark belasteten Polizei überlassen.

Der jüngste bewaffnete Überfall in Khon Kaen, bei dem ein Einzeltäter ein Goldgeschäft betrat und mit 26 Baht Gold im Wert von fast zwei Millionen Baht entkam, ist kein Einzelfall. Vielmehr fügt er sich in ein landesweit erkennbares Muster: Einzeltäter, geringe Vorbereitungskosten, schnelle Ausführung – und zumindest in den ersten Stunden eine realistische Fluchtchance.



Goldläden bleiben attraktive Ziele. Sie sind sichtbar, verfügen über leicht veräußerbare Ware und sind häufig nur begrenzt gesichert. Viele befinden sich in Wohnvierteln, nahe Kreuzungen oder Märkten, mit minimalem privatem Sicherheitsdienst. Kommt es zu einem Überfall, wird jedoch eine sofortige und lückenlose Reaktion erwartet: Rekonstruktion der Fluchtroute, Identifizierung des Täters, schnelle Festnahme.

Diese Last liegt bei der Royal Thai Police. Deren Beamte sind bereits mit Verkehrssicherheit, Drogenbekämpfung, Cyberkriminalität, politischer Sicherheit und täglicher Einsatzbewältigung ausgelastet. Jeder Überfall setzt denselben Mechanismus in Gang: Auswertung von CCTV-Aufnahmen, Befragungen im Umfeld, Koordination mit Gemeindeverantwortlichen und erheblicher öffentlicher Druck.

Polizeibeamte untersuchen das Goldgeschäft in Khon Kaen nach dem Überfall, sichern Spuren und überprüfen die Sicherheitsmaßnahmen, während die Fahndung andauert.

Was dabei oft unausgesprochen bleibt: Auf der Präventionsseite hat sich wenig verändert. Trotz wiederholter Überfälle gibt es keine ernsthafte landesweite Debatte über verbindliche Mindeststandards für Hochrisikobetriebe, über eine geteilte Verantwortung zwischen Ladenbesitzern und Versicherern oder über präventive bauliche Maßnahmen – etwa kontrollierte Zugangssysteme, verstärkte Sicherheitsverglasung oder abgestimmte lokale Streifenpläne.


Stattdessen werden Taten als isolierte Vorfälle behandelt, nicht als vorhersehbare Folge günstiger Gelegenheiten. Viele Täter wirken dabei nicht leichtsinnig, sondern kalkulierend. Sie kennen Reaktionszeiten, Kamerawinkel und Fluchtwege. Sie wissen auch, dass Verfahren Zeit brauchen und die abschreckende Wirkung begrenzt ist. Das ist keine Prahlerei – es ist Berechnung.

Der Begriff „Land der Freien“ verliert an Glaubwürdigkeit, wenn Freiheit zunehmend jenen zugutekommt, die bereit sind, das Risiko einer Straftat einzugehen, während gesetzestreue Bürger auf Glück und die Ausdauer der Ermittler angewiesen sind.



Dies schmälert weder Professionalität noch Einsatzbereitschaft der Beamten vor Ort – im Gegenteil. Es verdeutlicht das strukturelle Ungleichgewicht: Prävention wird faktisch nachträglich an die Polizei delegiert, anstatt systematisch im Vorfeld anzusetzen.

Solange Thailand dieses Ungleichgewicht nicht korrigiert – durch stärkere Abschreckung, geteilte Verantwortung und die Reduzierung offensichtlicher Tatgelegenheiten – werden Täter weiter ihre Chancen suchen. Und die Polizei wird, trotz knapper Ressourcen, die Folgen bewältigen müssen.